IHHT ("Höhentraining") bei Post Covid und ME/CFS: Mitochondrien-Training, das wirklich hilft?
- Corinna Geiger
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Viele meiner PatientInnen kennen das Gefühl: die Infektion ist längst vorbei, aber der Körper kommt einfach nicht mehr auf die Beine. Erschöpfung, Belastungsintoleranz, Konzentrationsprobleme – und das über Monate. Die üblichen Ratschläge ("Bewegen Sie sich mehr!", "Das wird schon wieder!") helfen nicht nur nicht, sie machen es bei Post-Covid und ME/CFS sogar wesentlich schlimmer.
In meiner Ordination setze ich seit einiger Zeit die IHHT – die Intermittierende Hypoxie-Hyperoxie-Therapie – als ergänzende Behandlung ein. Und weil ich immer wieder gefragt werde, was das genau ist und ob es wirklich etwas bringt, möchte ich Ihnen in diesem Beitrag die Hintergründe erklären.
Was ist IHHT eigentlich?
IHHT steht für Intermittierende Hypoxie-Hyperoxie-Therapie. Klingt kompliziert, ist aber im Prinzip ein gezieltes Training für unsere Mitochondrien – die kleinen Kraftwerke in jeder einzelnen Körperzelle.
Während einer Sitzung atmen Sie über eine Maske abwechselnd sauerstoffarme (Hypoxie) und sauerstoffreiche (Hyperoxie) Luft ein. Das Ganze geschieht im Liegen, ganz entspannt – Sie müssen nichts tun außer normal zu atmen. Eine Sitzung dauert etwa 40-60 Minuten.
Warum Mitochondrien bei Post Covid der Schlüssel sind
Um zu verstehen, warum IHHT bei Long Covid und ME/CFS helfen kann, müssen wir kurz über Mitochondrien sprechen.
Unsere Mitochondrien sind für die Energieproduktion in den Zellen zuständig. Sie wandeln Nährstoffe in ATP um – den universellen Energieträger des Körpers. Ohne genügend ATP funktioniert nichts: kein Muskel, kein Gehirn, kein Immunsystem.
Was passiert bei Post Covid? Mittlerweile wissen wir, dass SARS-CoV-2 die Mitochondrien direkt schädigen kann. Dies passiert auch bei MECFS - selbst wenn es nicht viral ausgelöst wurde. Die Folge: die Energieproduktion läuft nur noch auf Sparflamme. Das erklärt, warum Betroffene sich fühlen, als hätten sie einen permanent leeren Akku – denn genau das ist auf zellulärer Ebene der Fall. Und genau dadurch kommt es auch zur PEM - wenn Energie einmal verbraucht wurde, dauert es wesentlich länger bis sie wieder regeneriert werden kann.
Hier kommt IHHT ins Spiel: Der kontrollierte Wechsel zwischen Sauerstoffmangel und Sauerstoffüberschuss setzt in den Zellen einen Reiz, der im Grunde sagt: "Achtung, wir brauchen bessere Mitochondrien!" Der Vermittler hierfür heißt Hypoxie Faktor alfa. Dieser verändert den Zellstoffwechsel und wird nur aktiviert wenn zu wenig Sauerstoff im Gewebe ankommt. Der Körper beginnt daraufhin, geschädigte Mitochondrien abzubauen (Mitophagie) und neue, funktionstüchtige aufzubauen (mitochondriale Biogenese).
Salopp formuliert: IHHT ist wie ein Reset-Knopf für Ihre zelluläre Energieversorgung.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Hier wird es spannend – denn wir haben mittlerweile tatsächlich gute Daten.
Eine kontrollierte klinische Studie von Doehner und Kollegen aus dem Jahr 2024 hat IHHT bei 145 Long-Covid-Patienten untersucht. Die Ergebnisse waren beeindruckend: Die IHHT-Gruppe verbesserte ihre Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest um das 2,8-fache im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Steigtestleistung (Treppensteigen) verbesserte sich sogar um das 3,7-fache. Auch Atemnot, Erschöpfung und die allgemeine Lebensqualität besserten sich signifikant.
Wichtig: Es wurden keine relevanten Nebenwirkungen beobachtet. Die Therapie war sicher und gut verträglich. Allerdings waren das PatientInnen, die fit genug waren eine Reha anzutreten. Dies muss jedenfalls beachtet werden.
Auch bei anderen Erkrankungen zeigen sich positive Effekte: bei Adipositas konnte eine randomisierte Studie 2024 Verbesserungen der Belastbarkeit, der Leber- und Nierenfunktion sowie der Lungenfunktion nachweisen. Bei älteren Patienten zeigten sich kognitive Verbesserungen von bis zu 20% im MoCA-Score – einem standardisierten Test für die Gedächtnisleistung.
Für wen ist IHHT sinnvoll?
Basierend auf der aktuellen Studienlage und meiner eigenen Erfahrung empfehle ich IHHT vor allem bei:
Post-Covid / Long Covid: Insbesondere bei Belastungsintoleranz, chronischer Erschöpfung und kognitiven Einschränkungen ("Brain Fog"). Hier ist die Evidenz am stärksten. Voraussetzung ist allerdings eine Baseline, bei der PatientInnen außer Haus sein können und nicht bettgebunden sind.
ME/CFS: Die mitochondriale Dysfunktion ist bei ME/CFS ein zentrales Thema. IHHT adressiert genau diesen Mechanismus. Es gelten dieselben Einschränkungen wie bei Post Covid.
Prävention und Healthy Aging: Die Verbesserung der mitochondrialen Funktion ist auch für die Demenzprävention und den Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit im Alter relevant. Auch der Schlaf wird dadurch häufig verbessert.
Wie läuft eine IHHT-Sitzung ab?
Das ist das Schöne an IHHT: Sie müssen wirklich nichts tun. Sie liegen bequem auf einer Liege, bekommen eine Atemmaske aufgesetzt und das Gerät regelt den Rest. Es wechseln sich Phasen mit reduziertem Sauerstoff (etwa wie auf 2.500-4.000 Metern Höhe) mit Phasen erhöhter Sauerstoffkonzentration ab.
Währenddessen werden Ihre Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz kontinuierlich überwacht. Die Einstellungen werden individuell an Ihre Reaktion angepasst – das ist wichtig, denn jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf den Sauerstoffreiz.
Manche PatientInnen berichten, dass sie sich während der Sitzung ein wenig müde fühlen – andere bemerken gar nichts. In jedem Fall können Sie direkt im Anschluss Ihren normalen Tagesablauf wieder aufnehmen.
Wie viele Sitzungen braucht es?
Hier ist die ehrliche Antwort: Eine einzelne Sitzung bringt wenig, denn man muss das Setting erst einmal gewöhnt werden. Wir starten nie von null auf hundert. Die Studien arbeiten typischerweise mit 10-15 Sitzungen, verteilt auf 2-3 Mal pro Woche über 4-6 Wochen. Das macht auch biologisch Sinn: Mitochondrien werden nicht über Nacht erneuert – der Körper braucht wiederholt den Trainingsreiz, um den Umbau in Gang zu bringen und aufrechtzuerhalten.
In meiner Ordination empfehle ich daher in der Regel eine Kur von 10 Sitzungen als Basis. Danach evaluieren wir gemeinsam, wie Sie sich fühlen und ob eine Auffrischung sinnvoll ist.
Was IHHT nicht ist
Zum Schluss möchte ich noch etwas klarstellen: IHHT ist kein Wundermittel und keine Einzeltherapie. Bei Post Covid und ME/CFS gibt es nicht DIE eine Behandlung, die alles löst. IHHT kann - richtig eingesetzt - ein wichtiger Baustein in einem umfassenden Behandlungskonzept, das auch Ernährungsoptimierung, gezielte Mikronährstoffsubstitution, off-label Therapien Stressregulation und – wo passend – Infusionstherapien umfasst.
Was mich an IHHT überzeugt: Es ist eine der wenigen Therapien, die direkt an der Ursache ansetzt – der mitochondrialen Dysfunktion – und nicht nur Symptome behandelt. Und mit der wachsenden Studienlage können wir immer besser einschätzen, wer davon profitiert.
Studienreferenzen:
Doehner W et al. (2024): Intermittent Hypoxic-Hyperoxic Training During Inpatient Rehabilitation Improves Exercise Capacity and Functional Outcome in Patients With Long Covid. Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle.
PMC (2023): Effectiveness of Intermittent Hypoxia-Hyperoxia Therapy in Different Pathologies with Possible Metabolic Implications. Biomedical and Environmental Sciences.
PMC (2024): The Impact of Intermittent Hypoxia-Hyperoxia Therapy on Metabolism and Respiratory System in Obese Patients. International Journal of Environmental Research and Public Health.


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